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"Ich bin frei!" - Ein Brief an Dich.

Dieses Thema im Forum "Ich habe es geschafft! Meine Erfolgsgeschichte" wurde erstellt von Schmerzverliebt, 27 Februar 2013.

  1. Schmerzverliebt

    Schmerzverliebt Well-Known Member

    Registriert seit:
    30 Dezember 2006
    Beiträge:
    1.471
    Zustimmungen:
    127
    Vor über sechs Jahren habe ich mich in Dich verliebt. Dich Borderliner, Alkoholiker, Masochisten. Dich Feigling, der Du nicht ein einziges Mal hinter mir standest.
    Dich Lügner, dich furchtbar verkorksten Menschen, der einfach nicht aus seiner Haut kann. Hast du es je versucht?

    Drei mal hast Du mich verlassen. Einmal für eine andere. Einmal, weil ich nicht gut genug sei. Einmal einfach so, ohne ein Wort, Du warst einfach weg. Jedesmal kamst Du nach wenigen Monaten oder sogar Wochen wieder, wenn ich mich gerade gefangen hatte - jedesmal hast Du an meinen unendlichen Glauben an die Liebe appelliert, hast mir erzählt, wie sehr Du mich brauchst, wie sehr Du dich geirrt hättest, das es der größte Fehler deines Lebens gewesen sei mich zu verlassen.
    Jedesmal bin ich zurück zu Dir. Habe Dich vor Freunden und Familie verteidigt.

    Ich habe so oft über die Grenzen meiner Kraft hinaus für uns beide gekämpft, versucht mit deinem selbstauferlegten Schlaf- und Nahrungsentzug zurecht zu kommen. Versucht Dich davor zu bewahren, so richtig alkoholabhängig zu werden. Ich habe meine Freunde vernachlässigt, mein Jurastudium, meine Arbeit - alles dafür, dass Du mir immer und immer und immer wieder in den Rücken gefallen bist.
    Ich habe alles gegeben. Ich war liebevoll, zärtlich, bestimmt, konstruktiv, habe dich angeschrien, gebettelt, damit Du endlich zur Vernunft kommst. Trotzdem konnte ich diese Abwärtsspirale die dein Leben ist nur verlangsamen. Dir Trost spenden, Dich wieder aufbauen. Dennoch war ich diejenige, die früh um drei Anrufe bekam, von ihrem Freund der ihr sagt, dass er jetzt vor einen Zug springt und dass sie alleine Schuld ist weil die Liebe zu ihr ihm gezeigt hat, was er wegen seiner Mutter niemals haben darf. Weil er nicht die Kraft hat sich zu widersetzen, wenn sie sagt, dass "die Hure ihm ein Kind anhängt um ihn ihr wegzunehmen". Du sagtest, dass all das Glück, dass du meinetwegen empfindest Dich so traurig macht, weil am Ende deine Mutter gewinnen wird.
    Und ich habe nie verstanden, warum Du nicht einfach gegangen bist, warum ich den Absprung nicht wert war.
    Warum Du Dir von ihr verbieten lässt das Haus zu verlassen, warum Du Dir verbieten lässt mit mir zusammen zu sein.
    Ich habe auch noch versucht Dir zu erklären, warum sie so furchtbar über mich spricht. Dass sie Angst hat Dich zu verlieren. Ich habe jeden einzelnen tag gekämpft, damit Du dich Stück für Stück befreien kannst. Dich aufgebaut, ermutigt, unterstützt.
    Nur mich, mich hat niemand getröstet. Oder aufgebaut. Oder ermutigt.
    Ich soll mich zusammen reißen. ich soll aufhören mit dem traurig sein, hast Du gesagt, als ich dich gebeten habe bei mir zu sein, als es mir damals im Sommer so schlecht ging.
    Ich soll Dir nicht mit "diesem emotionalen Scheiß" kommen, als ich geweint habe, weil wir uns seit Wochen nicht sehen konnten.
    Dass ich mein Studium durchzuziehen habe weil ich mit 23 "eh schon zu alt bin um was neues anzufangen".
    Im Nachhinein erscheint es mir wie ein böser Traum, dass ich mir das habe gefallen lassen.

    Ich kann mich trotzdem erinnern, wann ich zuletzt glücklich war. Es war ein Festival, sechs Monate vor unserer Trennung. Zum ersten Mal habe ich Dich ein paar tage am Stück gesehen. Du hast jedem erzählt, dass ich die Frau sei, die Du heiraten wirst. Die Liebe deines Lebens.
    Und dann hast Du Dich bekifft, Dich betrunken und ich war die Spielverderberin, weil ich Dich angeschrien habe, als Du Dir im Suff mit einer Raviolidose die Hand zerschnitten hast. Ich war die "Spießerin", weil ich deine Schnitte desinfiziert und verbunden habe, nachdem Du mich mit dem fauligen Zeug auch noch beworfen hast, das drei tage in der Sonne gestanden hatte.

    Für Dich bin ich in meinem Nebenjob geblieben, der mich fast mein Studium gekostet hätte, weil Du immer wieder den Umzugstermin in die gemeinsame Wohnung verschoben hast, aber nur um sechs Monate, sodass es sich für mich nicht gelohnt hätte, mir etwas neues zu suchen.
    Wie oft hast Du mich im Streit stehen lassen? Mich ignoriert mit der Begründung mein "Fehlverhalten müsse angemessen bestraft werden, ohne strafe wirkt Erziehung nicht."

    Wie oft bin ich ausgeflippt, weil ich kein verdammtes Hündchen bin und wurde mit noch mehr schweigen bestraft?

    Warum habe ich das alles so lange ertragen (können)?

    Weil ich an Dich geglaubt habe, an uns.

    Aber endlich, endlich - irgendwann hast Du dem Ganzen die Krone aufgesetzt.
    Hast mir vorgeworfen, dass ich Deine Wünsche respektiert habe, dass ich mein versprechen nicht gebrochen habe obwohl ich "es besser hätte wissen müssen", obwohl ich "hätte wissen müssen", dass du es nicht ernst gemeint hast, als du mich gebeten hast Dir mein Wort zu geben. ich hätte für unsere Beziehung deine Wünsche ignorieren müssen. Alles meine Schuld. Ich hab es gegen die Wand gefahren, weil ich das getan habe, was wir gemeinsam beschlossen haben und mich nicht über Dich hinweggesetzt habe. Wirklich?

    In diesem Moment, in dieser Ecke in dem romantischen Café hat es mich getroffen wie ein Donnerschlag.
    Du, der du nicht ein einziges Mal einen Finger krumm machen konntest für mich, für uns, der Du der feigste und rückgratloseste Lügner bist, der mir je begegnet ist - du hast jeden Funken meiner Liebe zu dir aus mir herausgeprügelt, verbal, immer und immer wieder. Und endlich, endlich, ENDLICH nach sechs Jahren habe ich es begriffen.
    Du wirst Dich nie ändern. Du wirst nie der Mensch sein, der meine Liebe verdient hast.

    Ich habe Dich angesehen und gefragt, wieso Du es nicht aussprichst. Wieso Du nicht gehst. Und zum ersten Mal in meinem leben habe ich Dich weinen sehen.
    ich sagte "weil Du Angst hast, den größten fehler deines Lebens zu machen indem Du mich gehen lässt, nur weil du zu feige bist, dich gegen deine Mutter zur Wehr zu setzen, die dir verbietet mit mir zusammen zu sein."
    Und Du hast mich angesehen und genickt.
    Du hast nach einem Strohhalm gesucht. Fast flehend: "Du hast doch auch keine Kraft mehr"
    Ich hab Dich angesehen, in dieses gesicht, das mir so lange als das Schönste auf Erden erschien. Ich habe dir gesagt, dass ich weitergekämpft hätte. So lange es nötig gewesen wäre.
    Und dann bin ich gegangen. Endlich. ICH BIN GEGANGEN.
    Du folgtest mir, hast mir angeboten mich nach Hause zu fahren. Und ich sagte "lieber werfe ich mich vor einen Zug und hoffe zu Hause abzufallen, als mich von dir nach Hause bringen zu lassen."
    Du hast in den Himmel gesehen, den Schnee - bei unserem ersten Treffen hat es geschneit. Und dann hast Du mich angesehen und gesagt "Du hast gewonnen. Du bist die Stärkere von uns beiden. Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann einen Mann findest, der Dir das gibt, was mir verwehrt wurde. Dem seine Familie kein Bein stellt."
    Ich war ruhig, fast schon kalt. Ich habe gesagt "Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann begreifst, dass es in einer Beziehung nicht ums gewinnen geht und dass Du es irgendwann schaffst den Menschen zu finden, den Du genug liebst um endlich zu kämpfen. Ich wünsche dir, dass du nur ein einziges Mal in deinem leben um das kämpfst, was du liebst, statt die Schuld immerzu bei anderen zu suchen"
    Du sagtest "Ich liebe Dich immernoch Hase, daran liegt es nicht." Du wolltest mich umarmen, hattest wieder Tränen in den Augen.
    Ich habe einen Schritt zurück gemacht. Dich gefragt, ob Du Dir darüber im Klaren bist, dass Du mich nie wieder sehen wirst. Dass ich weder Kontakt wünsche, noch jemals wieder dein Gesicht sehen will, nach all dem was passiert ist.
    Du sagtest, Du würdest Dir niemals verzeihen, was du mir in den letzten Jahren angetan hast, dass Du Dir nie verzeihen könntest, dass Du mich seelisch zerstört hättest.
    Ich hab gelächelt und gesagt "wenn Du Dir je die Mühe gemacht hättest mich kennen zu lernen wüsstest Du, dass niemand, nicht mal Du mich seelisch zerstören kann. Du hast Recht, ich bin die Stärkere."
    Und zum ersten Mal in sechs Jahren hast Du genau das begriffen.
    Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Erhobenen Hauptes. Ich habe nicht einmal zurückgeblickt.
    Kaum warst Du außer Sicht habe ich angefangen zu weinen wie noch nie in meinem Leben, mitten im U-Bahnhof, umgeben von hunderten Menschen habe ich geflennt wie ein Schlosshund.


    Und nun, nun schaue ich auf all das zurück und es erscheint mir wie ein böser Traum. Ganz besonders, weil zwar die ersten tage wirklich hart waren, aber nachdem mir klar wurde, welche Last nun endlich von mir abgefallen war, was ich alles nicht mehr tun und ertragen musste, hatte ich eine tolle Zeit ganz mit mir allein und meinen Freunden.
    Ich habe es genossen Single zu sein, atmen zu können.
    Du weißt, dass ich an die Liebe glaube. Dass ich daran glaube, dass ich irgendwann irgendwo ankomme und dass man nichts in seinem Leben umsonst tut und erträgt.
    Versteh das nicht falsch - so lange ich es getan habe, habe ich gerne für uns gekämpft und ich bereue noch heute keinen Tag.
    Ich bin nicht enttäuscht worden - alles hat seinen Sinn.
    Ich bin stärker geworden, so viel stärker als Du es mir je zugetraut hättest, ich bin klüger geworden und vor allem werde ich mich niemals wieder so behandeln lassen. Ich musste schon immer ein paar mal auf die Nase fallen, um die wichtigen Dinge des Lebens zu lernen.

    Und ausgerechnet deinetwegen bin ich im Augenblick so glücklich, wie noch nie in meinem Leben.
    Deine Schwester hat uns damals mit zu einem Doppeldate geschleift. Nach dem vierten Date hat der Mann für den sie sich damals interessierte ihr den Laufpass gegeben, weil sie genauso gehirnverwaschen ist wie Du, weil sie nach nicht mal vier Wochen versucht hat ihn so zu ändern, dass er Eurer Mutter gefällt. Er wollte sich das nicht antun, hatte kein Interesse an einer 22-Jährigen, die nicht länger als 22 Uhr aus dem haus darf und das (genau wie du mit deinen 25) völlig normal findet.
    Trotzdem habe ich ihn, als ich noch mit Dir zusammen gewesen bin angeschrieben, weil wir uns gut verstanden haben und ich mich erinnerte, dass ihr ziemlich ähnliche Hände habt.
    Ich habe ihn nach seiner Ringgröße gefragt, um dir ein paar Monate später einen Ring schenken zu können, ohne dass Du etwas ahnst. Es sollte eine Überraschung werden für Dich.

    Einige Monate nach der Trennung kam ich noch einmal mit ihm ins Gespräch.
    Und nun, nun habe ich diesen wundervollen Menschen gefunden und kann mein Glück kaum fassen.
    Diesen Menschen, der für mich durchs Feuer gehen würde, für den ich dasselbe tun würde und der das auch begreift - der mich ansieht und mir einfach nur sagt "du bist wunderschön."
    Zum ersten Mal habe ich das Gefühl am Beginn von etwas ganz ganz Großem zu stehen und mich unsagbar darauf zu freuen.
    Ich habe nie bezweifelt, dass ich irgendwann jemanden finde den ich auf eine Weise liebe, die nicht annähernd so destruktiv ist wie die Liebe zu dir es war.
    Nur habe ich nicht erwartet, dass es mich so viel glücklicher machen kann als ich je gewesen bin und erst Recht nicht, dass mich gerade diese sechs Jahre mit Dir in seine Arme führen.

    Ich bin glücklich. Ich bin unendlich glücklich. Und das nun schon seit Monaten.
    Ich bin frei. Ich bin endlich, endlich frei - und trotzdem nicht allein. Ich habe ihn an meiner Seite. Wir lachen, wir tanzen, wir kochen gemeinsam, wir gehen ins Theater und kriechen danach mit Gummistiefeln durch den Wald um die besten Fotos zu bekommen und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass mein Partner alles mit mir durchstehen würde.
    Ich habe einen neuen Job, mein Studium läuft besser denn je. Ich bin glücklich. Meine Zukunft erscheint mir nicht mehr anstregend und voller Kämpfe. Ich habe gemerkt, wie viel ich alleine kann. Und wie es sich anfühlt, wenn es nicht nur noch ein "wir" gibt, sondern auch noch ein Ich.
    Vor allem aber, wie schön es ist, wenn man beides hat.
    Ich bin endlich angekommen. Zumindest für den Moment.

    Du warst jahrelang nicht Teil meines Lebens, Du warst mein Leben. Die Lektionen, die ich gelernt habe waren alles andere als einfach. Aber ich habe unendlich viel mitgenommen. Nicht zuletzt das Gefühl endlich zu wissen, wo ich hingehöre - ob mit oder ohne Partner.

    Ich wünsche Dir, dass Du den Absprung schaffst und irgendwie glücklich wirst. Mehr als alles andere.
    Aber Du wirst niemals wieder einen Schritt in mein Leben setzen, ganz gleich was kommt. Ich bin endlich frei.



    Danke.
    StayX und Mr.Jones gefällt dies.

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